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Abschlussprüfung: Ich bin Velomechaniker

Velomechaniker bin ich ja schon länger, aber nun habe ich den „Eidgenössischen Fähigkeitsausweis Fahrradmechaniker EFZ“ dafür erhalten. Dazu musste ich in den letzten Wochen die Abschlussprüfung ablegen. Begonnen hat die Geschichte letzten Herbst, als ich mich für die Prüfung angemeldet hatte.

Erwachsene, die über eine generelle Berufserfahrung von mindestens fünf Jahren verfügen, können gem. Art. 32 BBV zu einem Qualifikationsverfahren mittels Abschlussprüfung zugelassen werden, auch wenn sie ihre Berufskenntnisse auf eine andere Weise als in einer regulären beruflichen Grundbildung erworben haben. Für mich war der Besuch der Berufsschule fakultativ und da ich bereits eine abgeschlossene Berufslehre hatte, war ich auch von der Allgemeinbildung dispensiert.

Die Vorbereitung

Bevor ich mich auf dieses Abenteuer eingelassen habe, traf ich mich mit dem Berufsschullehrer in Bern um herauszufinden, was auf mich zukommt. Ausgerüstet mit einer Liste von relevanten Fachbüchern und dem Lehrplan, habe ich mich dann für die Prüfung angemeldet und mich für das Selbststudium entschieden. Da ich bereits eine Lehre als Elektromechaniker gemacht hatte, waren die Themen Mechanik und Elektrotechnik nicht neu für mich. Ich musste allerdings das Berechnen der unterschiedlichen physikalischen Grössen wieder etwas üben, zumal ich dies im Alltag kaum benötige. Daneben habe ich die Fachkunde mit Hilfe der Lehrmittel komplett durchgearbeitet und so manches Detail dazu gelernt und mich gewundert, wie ich wie ich all die Jahre ohne die Fachbücher als Nachschlagewerk arbeiten konnte. Zu den Frühlingsferien wurde es langsam ernst, das Aufgebot für die Abschlussprüfung flatterte ins Haus. Ich besuchte wieder den Berufsschullehrer und bekam ein paar Prüfungsbogen zum üben, was sehr wertvoll war um herauszufinden, wo ich noch „blinde Flecken“ hatte und um das Lehrsystem zu verstehen. Schulsysteme ändern sich und ich war ja schon länger nicht mehr in der Schule.

Dann habe ich noch einen Vorbereitungskurs in Schweisstechnik besucht - Ihr mögt euch jetzt etwas wundern… Ich schweisse und löte zwar fast täglich, aber ich habe noch nie Autogen geschweisst und ich hatte auch keine Ahnung, was ich an der Prüfung abliefern musste. So ging ich dann mit den anderen Lernenden in den Kurs, was wiederum eine spannende Erfahrung war. Der Altersunterschied war zwar beträchtlich, aber er spielt eigentlich überhaupt keine Rolle.

 

Die Prüfung

Begonnen hat die Prüfung mit einem mündlichen Fachgespräch. Zusammen mit zwei Experten war ich in der Lehrwerkstatt, umgeben von Velos und E-Bikes. Der eine stellte Fragen zu Bauteilen, Materialbeschaffenheit, technischen Gegebenheiten etc., der Zweite notierte alles fein säuberlich. Es war ein bisschen wie in einer Quizshow: Auf eine Frage folgte schnell die Nächste, zum Nachdenken blieb kaum Zeit. Eine halbe Stunde später war der Spuk vorbei, ich hatte keine Ahnung, wie ich abgeschnitten hatte, konnte die Situation auch überhaupt nicht einschätzen. Habe zwar viel gesprochen, aber ob der Inhalt auch zu den Fragen passte, war für mich nicht rekonstruierbar.

Eine Woche später folgte die schriftliche Fachkunde. Die Prüfung war in unterschiedliche Blöcke unterteilt: Fahrwerk, Elektrotechnik, E-Bike und Antriebstechnik.

Wir hatten jeweils 45 resp. 30 Minuten Zeit zur Verfügung, um die Fragen zu beantworten. Diese bestehen aus einem Mix von Multiple-Choice Fragen, Rechenaufgaben und dem Interpretieren von Englisch sprachigen Anleitungen. Die Zeit schreitet schnell voran; bei manchen Fragen verstand ich nur Bahnhof und am Schluss hatte ich das Gefühl, es könnte ziemlich knapp werden. Aber irgendwie ging es allen Anderen auch nicht besser.

 

Wiederum eine Woche später folgten dann die praktischen Arbeiten am Objekt. Ich war zuerst in der Metallwerkstatt mit Schweissen und Biegen beschäftigt. Angesichts des Zeitdruckes war es gar nicht so einfach, eine absolut ruhige Hand zu behalten. Zum Glück ist Autogenschweissen diesbezüglich etwas Fehler toleranter. Danach ging es live zu den Velos. Ich musste eine Nexus Schaltung montieren, eine Dualdrive flicken, einen Velocomputer mit GPS installieren und dies dann dem Kunden erklären. Weiter: Diverse E-Bikes reparieren und konfigurieren, Scheibenbremsen entlüften, einen Federgabelservice ausführen, ein Laufrad bauen und eine Di2 Schaltung reparieren und justieren. Alles in allem waren es 14 Posten, inhaltlich alle nahe beim Alltag in einem Veloladen. Und wie es so im Alltag halt ist, trifft man auf Systeme, die man kaum oder gar nicht kennt und muss sich dann mit einem Handbuch durchschlagen. So ist es mir bei all‘ den E-Bikes ergangen. Die praktischen Arbeiten gingen mir relativ leicht von der Hand, meine Erfahrungen waren da sicher ein grosser Vorteil. Und auch der Umstand, dass die Experten Händlerkollegen sind und man sich so auf Augenhöhe begegnen konnte, hat die Atmosphäre sicher auch entspannt. Nebst dem Diplom, habe ich auch einiges an neuem Wissen erworben, um im Alltag die eine oder andere Situation noch besser zu meistern.